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Gemeinsam erinnern an das, was nicht vergessen werden darf: Hörbiografien von sechs Euthanasieopfern auf dem Karlsruher Ehrenfeld

DGSP Regionalgruppe Karlsruhe informiert über Projekt
Karlsruhe, 20.01.2026. Das Ehrenfeld zum Gedenken an die Karlsruher Euthanasieopfer auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe ist um eine wichtige Neuerung erweitert worden: Seit Oktober 2025 können Besucherinnen und Besucher über einen QR-Code vor Ort die Lebensgeschichten von sechs Karlsruher Euthanasieopfern anhören. Die Hörbiografien machen für alle Besucher*innen erlebbar, dass hinter den anonymen Opferzahlen individuelle Menschen mit ihren individuellen Geschichten standen.

Gemeinsam gegen das Vergessen (v.l.): Julia Riffel, Romy Feix, Maja Göttel, Dr. Maria Rave-Schwank, Anja Kayser.

Ein neues Angebot am Ehrenfeld

Vorgestellt wurde das Projekt im Rahmen eines Pressegesprächs, zu dem die Regionalgruppe Karlsruhe der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) am 16. Januar 2026 in die Räume des Badischen Landesvereins (BLV) in der Karlsruher Südweststadt eingeladen hatte. 

Erinnern an eine lange vergessene Opfergruppe

Die Hörbiografien wurden unter Leitung von Dr. Maria Rave-Schwank, Sprecherin der DGSP-Regionalgruppe Karlsruhe und ehemalige Direktorin der Psychiatrischen Klinik des Städtischen Klinikums Karlsruhe, redaktionell aufbereitet und professionell eingesprochen. Ziel war es, neue Formen einer lebendigen Erinnerungskultur zu entwickeln und insbesondere die lange vergessene Opfergruppe der sogenannten „Euthanasie“-Opfer in den öffentlichen Fokus zu rücken. Die Audiodateien sind auf der Website der Stadt Karlsruhe abrufbar und können direkt am Ehrenfeld per Smartphone über einen QR-Code angehört werden.
„Die nationalsozialistischen Patientenmorde gehören zu den größten Verbrechen des NS-Regimes und wurden dennoch über Jahrzehnte verdrängt“, betonte Dr. Rave-Schwank. Erst 2007 seien die Opfer der NS-„Euthanasie“ offiziell als Verfolgte anerkannt worden. Viele der Karlsruher Opfer wurden in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet, andere in Hadamar. Die Entwertung der Betroffenen als angebliche „Ballastexistenzen“ oder „Kostenfaktoren“ wirke bei vielen Angehörigen bis heute nach.

Eine Stimme für Sofie Hahn

Vorgestellt wurde unter anderem ein Ausschnitt aus der Hörbiografie von Sofie Hahn (1896–1940). Die frühere Mitarbeiterin der Stadt Karlsruhe wurde wegen psychischer Erkrankung entlassen, nach Aufenthalt in Illenau zwangssterilisiert und mehrfach verlegt, bevor sie am 17. Juni 1940 nach Grafeneck deportiert und noch am selben Tag ermordet wurde. Gesprochen werden die Texte von der professionellen Sprecherin Lina Syren, um den Biografien eine würdevolle und eindringliche Stimme zu verleihen.

Niederschwelliger Zugang, große Wirkung

Anja Kayser, bei der DGSP Regionalgruppe Karlsruhe zuständig für den Bereich Digitales, erläuterte den Ansatz des Projekts: „Die Lebensgeschichten sind niederschwellig zugänglich und richten sich an alle – an Besucherinnen und Besucher des Friedhofs, an Angehörige, Schulklassen, Fachleute. Sie sollen einen Perspektivwechsel ermöglichen, Empathie fördern und für heutige gesellschaftliche Entwicklungen sensibilisieren.“ In Deutschland sei statistisch gesehen jede achte Familie von einem Euthanasieopfer betroffen.

Bildungsarbeit und Perspektiven der jungen Generation

Einen besonderen Stellenwert beim Projekt nahm auch der Bildungsaspekt ein: Gemeinsam mit einem Mitglied der DGSP-Regionalgruppe informierte Dr. Rave-Schwank an Karlsruher Schulen über die Verbrechen und erarbeitete mit Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten einer lebendigen Erinnerungskultur. Anja Riffel, Studienrätin am Dominikus-Gymnasium, berichtete beim Pressetermin gemeinsam mit ihren Schülerinnen Maja Götte und Romy Feix von der Auseinandersetzung mit dem Thema im Unterricht. Obwohl die NS-Zeit im Bildungsplan fest verankert sei, würden die Euthanasieopfer oft nur am Rande behandelt. Der Vortrag von Dr. Maria Rave-Schwank zu den Karlsruher Opfern habe die Schülerinnen tief bewegt. Besonders erschütternd sei gewesen, dass Ärztinnen und Ärzte, die eigentlich heilen sollten, an den Morden beteiligt waren und nach 1945 häufig unbehelligt weiterarbeiten konnten.

Brücke zur Gegenwart

Die Schülerinnen zogen auch Bezüge zur Gegenwart. Angesichts von gesellschaftlicher Spaltung, Ausgrenzung und einem spürbaren Rechtsruck sei Aufklärung wichtiger denn je. Sprache, Toleranz und gegenseitiges Verständnis spielten dabei eine zentrale Rolle. Schule könne – etwa durch Exkursionen wie den Besuch des Ehrenfelds – einen geschützten Raum für diese Auseinandersetzung bieten.

Appell zum Erinnern und Weitererzählen

Die DGSP verbindet mit dem Projekt einen klaren Appell: Die Verbrechen dürfen nicht vergessen werden. Psychisch erkrankte Menschen sind Menschen – keine Kostenfaktoren. Angehörige und Familien sind bis heute betroffen. „Bitte erzählen Sie darüber“, so Dr. Rave-Schwank abschließend. „Besuchen Sie das Ehrenfeld. Erinnern wir gemeinsam an das, was nicht vergessen werden darf – auch im Interesse der Gegenwart und der Zukunft.“
 

 
Von 1939 bis 1945 wurden im damaligen Deutschen Reich mindestens 230.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen ermordet. 600 der Opfer kamen aus Karlsruhe. Die Karlsruher Regionalgruppe der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) arbeitet seit Jahren daran, die Opfer in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen.
 
Der QR-Code führt direkt auf die Seite der Stadt Karlsruhe mit den eingesprochenen Kurzbiografien von sechs Karlsruher „Euthanasie“-Opfern.
 

Weiterlesen

Maria Rave-Schwank, Hg., DGSP-Gruppe Karlsruhe, Stadtarchiv Karlsruhe: Gegen die Macht des Vergessens: Gedenkbuch für die Karlsruher Euthanasie-Opfer der Aktion T4, Info Verlag Bretten GmbH, 2020
 
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Quelle: Badischer Landesverein